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Der FilmAdos Amor 1 - Eine andere SichtDort, wo mir Gewalt prophezeit wurde, habe ich Respekt erfahren. Dort, wo lautstark die "Nase-voll" Haltung propagiert wurde, habe ich Tat-Kraft und Freude an der gemeinsamen Arbeit angetroffen. Dort, wo von "Problemen" und "schwierigem sozialen Raum" die Rede war, habe ich die nachdrückliche Schönheit einer Jugend entdeckt, die sich selbst und der übrigen Welt mit Fragen begegnet. Dieser Jugend höre ich seit 13 Jahren im Kreise von Arbeitsgemeinschaften und Werkstätten zu und helfe ihr, die Botschaft von Hoffnung und Solidarität zu formulieren und an andere zu vermitteln - eine Botschaft, die von den Schreckensmeldungen der Medien oft verschleiert wird. Doch Tragödien spielen sich überall ab - nicht nur in den Vorstädten (banlieue) und Ballungszentren. Sie existieren in der Lebensgeschichte eines Jeden. Diese Tragödien zu überwinden lernen, sie in Prüfungen umzuwandeln, die uns gegenseitig näher bringen und uns in die Menschengeschichte einschreiben - das ist die Schule der Philosophie. Diese angehenden "Philosophen" habe ich in der "banlieue"2 angetroffen. Die Problematik der Jugendlichen aus Blanc-Mesnil, aus der eine farbenfrohe Poesie hervorsprudelt, möchten wir zum Thema eines Spielfilms machen: um der "Repression" eine spöttische «Kreation» entgehen zu setzen die Freude über das, was bereits erreicht wurde, miteinander zu teilen, um ein anderes Bild von verkannten Mitbürgern auf die Leinwand zu bringen. « Ados Amor - ist das ein Film über die «banlieue ? », fragte eine Journalistin die Jugendlichen aus Blanc-Mesnil. « Nein, das ist einfach nur ein Film. Das Leben, der Tod, die Liebe, die Würde des Menschen, gibt es das denn nicht auch woanders, nicht nur in der "banlieue" ? ». In allen Städten werden Kinder geboren und wachsen heran. Die "banlieue" Blanc-Mesnil dient als Beispiel für alle "banlieues" der Welt ; durch die dort lebenden Individuen umfasst sie etwa zehn verschiedene Traditionen und Kulturen. Die aussergewöhnliche kulturelle Zusammenfügung ist es, was diese Generation Jugendlicher zu realisieren möchte ? Es reicht aus, ihnen dazu die Mittel zu erteilen. Zarina Khan
1Der alliterierende Titel besteht aus dem häufig gebrauchten familiären Wort "Ados" (abk.für "adolescent" = Heranwachsen) und Amor = "Amour" (Liebe) 2Der speziell auf die Problematik der Vorstädte von Paris abzielende Begriff "banlieue" wird im folgenden Beibehalten. Ados Amor - Technische Daten
Der Film : Spielfilm von 125 Minuten
Drehbuch : Zarina Khan und François Stuck Durchführung : François Stuck Schauspielerische Leitung : Zarina Khan Photographische Leitung : Maurice Giraud Die Schaupieler setzen sich aus 35 jungen Leuten der Stadt Blanc-Mesnil zusammen, die die Handlungen von Ados Amor in der von Zarina Khan geleiteten Werkstatt für Schreib und Theaterpraxis geschrieben haben. Mit Unterstützung der Stadt Blanc-Mesnil. Ados Amor - Das ProjektDas Filmprojekt Ados Amor ist entstanden in Blanc-Mesnil aus der Arbeit von Jugendlichen einer Sekundarstufe I und eines Fachgymnasiums im Schuljahr 1995-1996 in der Schreib - und Theater - werkstatt von Zarina Khan. Die Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren wohnen in der "banlieue" von Paris und erleben wie viele andere ihrer Altersgenossen in den übrigen französischen Städten die Schwierigkeiten und Freuden eines Alters, in dem sich das Leben zwischen Familie und Schule, zwischen Kindheit und Erwachsen-Werden abspielt. Ziel des Films ist es, mit ihnen zusammen ihre geweiligen Lebensgeschichten, ihre Probleme, Wünsche und Fragestellungen zu inszenieren (die dafür notwendigen schaupielerischen Elemente haben sie erworben). Diese Jugend, die so oft beunruhigend wirkt aufgrund der vorherrschenden Ignoranz, die den Verdruss und die Unsicherheit ihrer Zukunft ertragen muss, besitzt eine Seele. Ados Amor ist auf der Grundlage ihrer Lebensgeschichten und mit ihrer Sprache entworfen worden und möchte diese Seele an den Tag bringen. Um dieses ausgefallene Projekt durchzuführen haben sich Profis des Spielfilmgewerbes mit Zarina Khan zusammen gefunden. Die Organisation und der Durchführungsplan sind völlig dem Thema, der Situation der Jugendlichen und der in der Stadt Blanc-Mesnil herrschenden Dynamik angepasst. Angesichts dieser Vorgehensweise schlägt Ados Amor eine andere Entwicklung ein als herkömmliche Spielfilme. Die jungen Leute sind im Juni 1995 durch einen 9-minütigen Videofilm, der von dem Regisseur François Stuck gedreht wurde, in die Grundsätze der Dreharbeiten eingewiesen worden. Dieses Filmdokument erlaubte uns, die Lebhaftigkeit des Schauspiels sowie die Durchführbarkeit des Films zu ermitteln. Die erste Drehphase des Spielfilms Ados Amor wurde Ende Januar 1996 mit der gesamten Filmtruppe ausgeführt und garantiert den Jugendlichen die reale Durchführung des Films, indem ihre aktive Teilnahme an dem Projekt bestätigt wird. Die zweite Phase fand während fünf Wochen im Sommer 1996 statt. Seit März 1997 startet der Film in den Kinos. Ados Amor - Das KonzeptDie Handlung des Films spielt sich "zu zweien" ab, so wie es bei jugendlichen dieses Alters üblich ist- sie situiert sich zwischen der elterlichen Wohnung und den Mauern des Schulgebäudes, sowie in den Strassen, die dieses Gebiet abgrenzen. Der Handlungsort ist die Stadt Blanc-Mesnil, eine "banlieue" wie alle anderen, aus der die dort lebenden Jugendlichen praktisch nie herauskommen. Die Entscheidung, möglichst auf Innenaufnahmen (Klassenräume, Wohnungen) zu verzichten entspricht dem Bedürfnis, das ganz private Alltagsleben der jungen Leute zu verfolgen. Die Geschichten sind ihre eigenen, von ihnen selbst geschrieben und mit dem grösstmöglichen Respekt ihrer Authentizität verfilmt worden. Das Drehbuch vereint die vielfältigen Lebensgeschichten - so von Assétou, der jegliche Lebenslust verloren ging, von dem Liebespaar Laila und Chris, die dem latenten Rassismus der Erwachsenen ausgeliefert sind; von Mammifère, der in die Kriminalität abrutscht; von Tony, der sich in die Wettkämpfe des Thai-Boxens flüchtet und schliesslich die Geschichte von Brahim, auf der Suche nach seiner Identität. Die Einheit wird verkörpert durch die Ankunft von Damir, ein aus Sarajevo geflohener Junge, der den Heranwachsenden in Blanc-Mesnil hilft, den Blick auf sie selbst und ihre Zukunft zu lenken. Durch seine Eigenartigkeit und die Kriegserfahrungen öffnet Damir den eingeengten Raum der Strassen von Blanc-Mesnil zur übrigen Welt und verleiht den Handlungen der Jugendlichen eine dramatische Dimension, die das rein Anekdotische weit überschreitet. Die 125-minütige Geschichte im 35 mm Format ist von den jungen Menschen selbst dargestellt worden. Das Drehbuch und die Dialoge sind mit dem Ziel konzipiert worden, der Wortwahl und dem Ausdruck einen maximalen Freiraum zu ermöglichen. Diese Konzeption spiegelt sich wieder beispielsweise im Verzicht auf vollständig redigierte Dialoge zugunsten von sehr präzisen Szenenanweisungen bezüglich der Personenintervention, was widerum den jungen Leuten ein freies Szenenspiel mittels ihrer eigenen Worte darzustellen erlaubt. Ados Amor - Die HandlungDie Geschichte des Films beginnt eines morgens auf dem Schulweg, dem jeder Schüler seine eigene Couleur und seinen eigenen Rhythmus verleiht. Dieser Weg ist ein Weg der Begegnung, der Freunde, sowie der Ort zwischen dem geregelten Familienleben und den Gesetzen der Schule. An jenem Morgen herrschen im Fachgymnasium "Aristide Briand" wie so oft die Gewöhnung und der Verdruss vor: Mylène fehlt, Brahim kommt zu spät und der vom Unterricht ausgeschlossene Mammifère wird erneut abgewiesen. Die Ankunft eines jungen bosnischen Flüchtlings im Gymnasium ist die Neuigkeit des Tages: Damir war bereits mit dem Tod konfrontiert und seine Erfahrungen faszinieren die Clique. Vor dem Hintergrund eines neuen Blickwinkels - der des Flüchtlings - und durch seine Konfrontation mit den Schülern in Blanc-Mesnil vermischen sich 7 Geschichten gleichsam wie 7 Schicksale, um sich endlich in einer Party zu münden, die von den Schülern und einer Musikband organisiert wird. Diese Feier nimmt eine tragische Wende und endet mit der Beerdigung von Assétou, die freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Die Beerdigung vermittelt den jungen Menschen jedoch nicht etwa eine Botschaft des Pessimismus, sondern erlaubt ihnen, die Angst vor der Zukunft zu überwinden und den Wert des Lebens und ihrer Gemeinschaft zu erkennen. Ähnlich wie Damir sind sie durch die Erfahrung des
Assétou16 Jahre, farbig sensibel und verschwiegen. Sie lebt im Zeitlupentempo der Indifferenz. Assétou redet nicht. Sie lässt die Worte der anderen und vor allem die unaufhörlichen Redeschwälle ihrer Mutter einfach über sich ergehen. Sie befindet sich eher am Rand der Clique und verkörpert alle Anflüge von Selbstzerstörung, die auch viele andere Mitglieder der Gruppe heimsucht. Ihre Lebensgeschichte ähnelt einer Sackgasse - sie besteht aus vielen abgebrochenen Vesuchen, endlich den Teufelskreis aus Verachtung der Welt und der eigenen Person zu brechen. Durch einen Sturz aus dem Fenster setzt sie ihrem Leben ein Ende.
Chris und LailaChris : 18 Jahre, weiss ; mit sich zufrieden und etwas spiessiger als die anderen. Laila : 17 Jahre, «beur». Kecker und heiterer Teenie. Träumt von der grossen Liebe. Unterhält ein gutes Verhältnis mit der Familie. Chris und Laila verlieben sich ineinander. Angefangen von den ersten Blicken bis zu schüchternen Annäherungen, von den ersten unbeholfenen Worten hin zum Höhepunkt der jugendlichen Leidenschaft wird die Liebe zwischen Chris und Laila, die sie zunächst vom Rest der Clique isoliert, schliesslich völlig den anderen unterstützt. Doch ihre Liebe stösst auf Schwierigkeiten, die aus der unterschiedlichen Herkunft und dem Unverständnis der geweiligen Familien resultieren: Chris, der Franzose und Laila, die Algerierin, haben als Gegner ihre "Rasse" und ihr Alter, sowie den mehr oder minder eingestandenen Rassismus ihrer Eltern. Diese Art von "Werten" spielt für die Gruppe zwar keine Rolle; sie bringt jedoch die Frage des Respekts vor den Eltern ins Spiel und beginnt, heimtückisch an der ersten Liebe zu nagen.
Brahim16 Jahre, «beur»1, emotionsgeladen und der Autorität ausgeliefert. Sucht die Nähe der Mädchen und treibt unter Seinesgleichen den Kampf um die Männlichkeit auf die Spitze. Brahim revoltiert gegen die Bevormundung durch seinen Vater und seinen älteren Bruder. Seine fehlende Identität sucht er durch Kraftausdrücke und Gewaltanfälle zu kompensieren. Er befindet sich ständig auf der Suche nach seiner Herkunft. Wie viele Kinder ausländischer Eltern ist er hin - und her gerissen zwischen seinen familiären Ursprüngen und der Realität in Blanc-Mesnil. Der Mangel an Identität und die Unkenntnis über seine eigene Lebensgeschichte treiben ihn zu immer grösseren Kraftaufwendungen wenn es darum geht, sich selbst zu beweisen. Die Rastlosigkeit macht ihn überempfindlich für das, was er als Unrecht auffasst und verleitet ihn dazu, das Irreparable zu begehen: den Mord an Mammifère - aufgrund einer banalen Schwindelei. Sein Leben ist fortan zerstört.
Tony17 Jahre, weiss, nicht besonders kraftstrotzend, egoïstisch. Sein Leben dreht sich nur um das Thai-Boxen. Er lebt in der Kraftaufwendung und der Ausdauer. Tony hat herausgefunden, auf welche Weise er seinen Lebensbedingungen und dem verdriesslichen Risikomilieu der Strasse entkommen kann: Durch den Sport. Seine Begabung könnte ihn eines Tages zum Meister der Kampfsportart Thai-Boxen machen. Von dem eigentlichen Cliquen-Chef Mammifère zugleich gefürchtet und beneidet, von den anderen sowohl bewundert als auch verspottet, gerät Tony in die Klauen der Gefolgsmänner von Mammifère, der die Fähigkeiten des jungen Boxers für seine "Deals" ansnützen und einen Alleingang, abseits der Gruppenbestimmung, verhindern möchte. Tony fällt auf die Masche herein : Er klaut ein Auto um an einem Rennen teilzunehmen und wird erwischt. Doch mit der Hilfe der anderen Cliquenmitglieder gelingt es ihm, sein Problem zu bewältigen und er erkennt die Bedeutung des Miteinanders.
Mammifère18 Jahre, Mestize. Gut gekleidet. Bereits gefährlich erwachsen. Missachtet das Gesetz, weil das Gesetz ihn missachtet hat. Durch den Ausschluss von der Schule hat Mammifère einen seiner letzten Orientierungspunkte verloren. Er ist sich selbst ausgeliefert und gezwungen, sich die nötige Achtung zu verschaffen um nicht ein "Niemand" zu sein; sich obskuren "Geschäften" hinzugeben um nicht den Drogen zu verfallen. Seine Geschichte ist die des Aufstiegs als Bandenchef, den der Lauf der Ereignisse in die Kriminalität führte, würde die gewaltsame Auseinandersetzung mit Brahim während der Party ihm nicht das Leben kosten.
Mylène17 Jahre, weiss, gefangen zwischen ihrem familiären Ärger und dem Angebot, ein normales Leben zu führen. Mylène ist eine Ausreisserin. Durch eine tragische Familienkonstellation ist sie aus dem Gleichgewicht geraten - man erahnt den sexuellen Missbrauch, ohne dass dafür weitere Erklärungen abgegeben werden. Durch dieses Trauma plaziert sie sich zunehmend ausserhalb der Gruppe. Es gelingt ihr nicht, die Liebe von Sylvain zu erwidern; ihr persönliches Schicksal lässt sie jedoch eine privilegierte Beziehung zu Damir aufbauen. Mit seiner Hilfe lernt sie zu "vergessen", indem sie die Liebe von Sylvain akzeptiert.
Damir15 Jahre, weiss, Bosnien-Flüchtling in Blanc-Mesnil, kommt aus Sarajevo. Sehr offen und freundlich, begeistert sich für den latein-amerikanischen Tanz. Damir kommt von Sarajevo nach Blanc-Mesnil. Als Kind ist er brutal vom Krieg überrascht worden. Heute, als Fünfzehnjähriger, kennt er den Wert von Leben und Frieden. Die Erfahrung des Kriegsleids erhält für ihn einen Sinn, wenn er denen gegenüber als Bote fungieren kann, die sich noch vor dem Krieg schützen können. Er unterhält mit allen Personen von Ados Amor eine "sternenförmige" Freundschaft, die in der Art des Entwicklerbades des Photographen jedem in der Gruppe sein persönliches Bild zu erkennen hilft. Alle übrigen Personen in Ados Amor besitzen ihre eigene Lebensgeschichte, die ihr Eingreifen in die Haupthandlung bestimmt. Sie bilden einen Kosmos, in dem die einzelnen Planeten ihren Lauf verfolgen. Julio : 18 Jahre, grossgewachsener Farbiger mit offenem, freundlichem Gesicht. Hat etwas Poetisches. Die anderen hätten ihm gerne als Chef der Gruppe, aber er lehnt diese Macht ab. Nelson : 18 Jahre, farbig, gross. Er ist erst kürzlich nach Frankreich gekommen und dieses späte Exil hat ihn geprägt. Er sagt « Ich bin kein Hundertprozentiger ». Laura : 16 Jahre, weiss. Trotz der Trauer um ihren Vater ist sie sehr offen. Hört den anderen zu und lebt in der Freundschaft auf. Fred 25 Jahre, gross, farbig. Erzählt oft afrikanische Geschichten. Die anderen hören ihm zu und respektieren ihn. Eugguy : 17 Jahre, farbig. Der Musik und dem Tanz verfallen; verkörpert die Lebensfreude und ist ein Fan von Schirmmützen. Yasmina : 16 Jahre, «beur», durch ihre energische Art kann sie die Jungen in die Schranken weisen. Sie beweist, dass man der Falle- «banlieue» entkommen kann indem man einfach dort bleibt. Ewan : 12 Jahre, weiss, Sohn des stellvertretenden Schulleiters. Möchte sich gern unter die «Grossen» mischen. Sylvain 17 Jahre, weiss, er gehört eher zum Rand der Clique (wie Mylène). Das Leben hat für ihn nur durch die Liebe einen Sinn. Ivan 7 Jahre, farbig, überquert Blanc-Mesnil, schaut sich die Stadt an um sie so zu malen, wie er sie sich erträumt; liebt afrikanische Märchen. Der Schulleiter des technischen Gymnasiums : 50 Jahre, weiss, als Schulleiter repräsentiert er eine offizielle Person; ist den Jugendlichen ein Kamerad durch seinen Judo-Club. Der Vater von Laila : 55 Jahre, algerischer Immigrant. Chef eines kleinen Maurer-Betriebs. Der Vater von Chris : 45 Jahre, weiss, Lehrer für technisches Zeichnen am Technischen Gymnasium. Streng und unangenehm.
Am Ende so verschiedener Tunnel erleuchtet dasselbe LichtDie Geschichte von Ados Amor endet nach den erschütternden Ereignissen der Party mit der Beerdigung von Assétou, zu der sich alle Jugendlichen eingefunden haben. Gemeinsam haben sie ausreichend Geld gesammelt, um Assétou die letzte Reise zu gestatten, die sie mit ihrer Lebensgeschichte und ihren Ursprüngen aussöhnen soll: Sie führt nach Afrika. Um die sterblichen Überreste von Assétou mit denen ihrer Vorfahren zu vereinigen, treten die jungen Menschen eine aussergewöhnliche Prozession an, in der der Körper des Mädchens von ihnen gemeinsam zu Fuss von Blanc-Mesnil zum Flugzeug nach des Flughafens "Charles de Gaulle" getragen wird.
Nachdem Assétou ihre Reise angetreten hat, überquert die ganze Truppe zusammen mit den Eltern eine Abstellpiste für schrottreife Flugzeuge. Eine der Flugzeugruinen ist geöffnet und zusammen quetschen sie sich in eine beschädigte Pilotenkabine, um die Rückkehr nach Blanc-Mesnil zu spielen: Eine gleichzeitig symbolische wie komische Reise, die jenseits des Todes die Botschaft der Versöhnung und der Hoffnung verkündet. 1Der Begriff "beur" stammt aus dem französischen Argot und gehört zur Jugendsprache des "verlan" (= l’envers, beruht auf der Silbeninversion). beur = verlan für "arabe", in Frankreich geborener Jugendlicher arabischer Einwanderer.
Ados Amor - Die ZeitDie Chronik von Blanc-Mesnil ist auf 24 Stunden konzipiert, die sich auf die 4 Jahreszeiten verteilt. Wichtig ist hierbei der Rhythmus von Tag und Nacht - die Lichter des Tages, die sich in das Dunkel der Nacht verwandeln - sowie die Idee des permanenten Wiederbeginns des täglichen Lebens, dem die Jugendlichen zu entkommen versuchen: Einmal durch den "Zwischenfall", der den üblichen Tagesablauf stört und schliesslich durch den "Unfall", der das ganze Jahr oder sogar mehrere Jahre verändern wird.
Der Film baut auf dem Wechsel zwischen einem langsamen, "realistischen" Rhythmus - wie die Schritte des Schülers auf dem ewig gleichen Weg zur Schule - und der Beschleunigung, die die jugendlichen sowohl in sich selbst zu provozieren versuchen (die Bar, die Zigarette und der Walkman, die den Herzschlag beschleunigen), als auch in ihrer Umgebung (Schreie, Raufereien, Einbrüche), so als ob sie auf die Realität einschlagen müssten, damit sie endlich ihr Geheimnis preisgibt. Der jeweilige situative Kontext, in den die Personen versetzt werden, unterstreicht ihr unterschiedliches Rollenspiel und die Veränderungen, die je nach dem Raum, indem sie sich befinden, in ihnen vorgehen - Schule, Strasse, verlassene Fabrik, Party, etc. - Diese Veränderungen verleihen dem Faktor Zeit die Rolle des Spielleiters : Es ist an der Zeit, zu schweigen und ein gelehrsamer, disziplinierter Schüler zu sein; es ist Zeit, alles kaputt zu schlagen und manchmal ist es sogar Zeit, zu sterben. Ados Amor - im Atelier erörterte FragenWer bin ich, 16 oder 17 Jahre alt, im Blanc-Mesnil des Jahres 1996 ? Was kann ich aus meinem Leben machen - zwischen dem Verdruss und dem Unbekannten ? Und keiner ist da, den ich frage könnte. Die Beziehung zur VergangenheitDas Nichts der Vergangenheit oder die Rücken in der eigenen Lebensgeschichte. Unmöglich, die Vergangenheit zu visualisieren - unmöglich, zu verstehen, woher man kommt oder eine Zukunft zu planen. Unmöglich auch, sich ohne Vergangenheit eine Zukunft vorzustellen. Ohne eine persönliche Lebensgeschichte - was soll aus mir werden ?
Die GegenwartWas bleibt : die unmittelbare Gegenwart - jene Zeit die zwischen dem Verdruss und der Angst oszilliert. Dieser Gegenwart möchte man lieber entkommen, indem man sie tagtäglich einfach schnell verschlingt - so kann auch die Zukunft mich nicht mehr in Empfang nehmen und verliert an Gestalt. Ein Schatten ohne Inhalt. Meine HautfarbeMit meiner Hautfarbe und meinem Namen bin ich auf die Welt gekommen und man hat mir gesagt, dieses sei eine "Zugehörigkeit" - wird das meinen Lebenslauf entscheiden ?
Das Land, aus dem ich kommeDas Herkunftsland der Eltern, seine eigene Herkunft sind der Erinnerung oft entfallen - was oft eine Quelle der Verwirrung bedeutet - doch diese Herkunft muss entdeckt und akzeptiert werden. Auch wenn sie noch so verworren und vernebelt erscheint, ist sie doch ein Anhaltspunkt und eine Existenzgarantie. Wie soll ich diejenigen respektieren, die mich nicht respektieren ? Die "Un-Macht". Ist diese "Un-Macht", die über den Verlauf der Dinge, über mein Leben und das der anderen regiert, ein Zeichen von Fatalität ? Die Gleichgültigkeit der anderenMan kann vor ihren Augen sterben. Sie rühren sich nicht. Einige belustigt es. Elternliebe« Sie haben mir das Leben geschenkt ». Die Wunde durch die elterliche ScheidungNiemand kann mich zwingen, meinen Vater mehr zu lieben als meine Mutter oder meine Mutter mehr als meinen Vater. Warum reden die Erwachsenen nicht ? Die erste Person, die die Jugendlichen erfunden habenAm meisten fehlt ihnen der "alte weise Mann", der in Wirklichkeit so alt wäre wie sie selbst und alle Geschichten der Vergangenheit kennen würde: die Weisheit, die die Gegenwart und die Zukunft erhellt.
Text : Zarina Khan
Übersetzung : Constanze Baethge
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